Ist Klettersteig gefährlich? Echte Risiken, Unfälle und Sicherheit
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Ist Klettersteig gefährlich? Echte Risiken, Unfälle und Sicherheit

6 Min. Lesezeit · März 2026

Klettersteig boomt. Über 100.000 Begehungen pro Jahr allein in Österreich, Tendenz steigend. Neue Routen in den Dolomiten, am Gardasee, in der Zugspitze-Region. Dazu ein Publikum, das breiter wird: Familien, Einsteiger, Leute ohne Klettererfahrung. Und genau hier wird es relevant. Denn Klettersteig ist objektiv sicherer als alpines Klettern, aber nicht risikofrei. Wer die Zahlen kennt, trifft bessere Entscheidungen.

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1.684 Gerettete, 62 Tote: Was die österreichische Studie zeigt

Die bislang umfangreichste Untersuchung zu Klettersteig-Unfällen kommt aus Österreich. Burtscher et al. haben alle Rettungseinsätze zwischen 2008 und 2018 ausgewertet1: 1.684 Personen wurden gerettet, 62 davon starben. Das ergibt eine Mortalitätsrate von 3,7 % unter den Geretteten.

Zum Einordnen: Bei über 100.000 Begehungen jährlich liegt das absolute Risiko, einen Rettungseinsatz auszulösen, im niedrigen Promillebereich. Das heißt nicht, dass man es ignorieren sollte. Es heißt, dass Klettersteig statistisch beherrschbar ist, wenn man die Hauptrisiken kennt.

Rettungsursachen

  • Erschöpfung: 42 % aller Rettungseinsätze. Der mit Abstand häufigste Grund. Leute unterschätzen die Dauer, die Armkraft, die Hitze.
  • Stürze: 23 % der Rettungseinsätze. Aber: 76 % aller Todesfälle gehen auf Stürze zurück. Wer stürzt, stürzt oft schwer.
  • Blockierung (Angst/Panik): Häufiger als man denkt. Kein Todesrisiko, aber teurer Hubschrauber.

Die 87-%-Zahl, die alles verändert

87 % der Todesfälle sind auf fehlerhafte Sicherung zurückzuführen. Nicht eingehängt, nur einen Karabiner im Seil, veraltetes Y-Lanyard ohne Bandfalldämpfer. Das ist kein Materialversagen. Das ist Anwendungsfehler. Ein modernes Klettersteigset, korrekt verwendet, eliminiert den Großteil des tödlichen Risikos.

Das Schwierigkeitsgrad-Paradox: Leichte Routen töten häufiger

Das kontraintuitivste Ergebnis der Studie: Schwierigkeitsgrad A (K1) hat eine Mortalitätsrate von 13,2 % unter den Geretteten. Schwierigkeitsgrad C bis E (K3 bis K5) liegt bei 0,8 %.

Faktor 16 Unterschied. Warum?

Auf leichten Klettersteigen passieren drei Dinge gleichzeitig:

  1. Weniger Sicherungsdisziplin. « Ist ja nur ein A, brauche ich nicht einhängen. » Diese Einstellung kostet Leben.
  2. Unerfahreneres Publikum. Wer einen K4 geht, hat in der Regel Erfahrung. Wer einen K1 geht, oft nicht.
  3. Unterschätzung des Geländes. Ein Schwierigkeitsgrad A bedeutet nicht « ungefährlich ». Es bedeutet technisch einfach. Die Exposition, also die Absturzhöhe, kann trotzdem tödlich sein.

Die österreichische/deutsche Skala (K1 bis K6) und die französische Skala (A bis E) korrelieren direkt. K1 = A, K6 = E/F.

Sturzfaktor 5: Warum ein Klettersteig-Sturz anders ist

Im Sportklettern liegt der maximale Sturzfaktor bei 2. Im Klettersteig kann er bis 5 erreichen3. Der Grund: Das Drahtseil verläuft vertikal, die Verankerungspunkte haben große Abstände (bis zu 10 m), und zwischen zwei Verankerungen fällt man die doppelte Distanz plus Seillänge des Klettersteigsets.

Konkret: Bei einem Verankerungsabstand von 8 m und einem Set mit 1 m Länge kann der freie Fall 17 m betragen, bevor der Bandfalldämpfer greift. Der Bandfalldämpfer reduziert die Bremskraft auf unter 6 kN, was überlebbar ist. Ohne Bandfalldämpfer (alte Y-Lanyards) wirken Kräfte von 10 bis 15 kN. Das ist nicht überlebbar.

Konsequenz: Nur Klettersteigsets nach EN 958 mit Bandfalldämpfer verwenden. Keine Selbstbau-Lösungen, keine reinen Klettersteigkarabiner ohne Dämpfung. Der DAV und der ÖAV empfehlen den Austausch von Sets, die älter als 10 Jahre sind.

Schweizer Zahlen: 95 Rettungen, 2 Tote in 5 Jahren

Der SAC (Schweizer Alpenclub) liefert ergänzende Daten2: 95 Rettungseinsätze in 5 Jahren, davon 2 Todesfälle. Beide Toten waren nicht eingehängt.

Die Schweizer Zahlen bestätigen das österreichische Muster: Das Stahlseil schützt, aber nur, wenn man drin hängt. Die Todesursache Nummer 1 ist nicht der Klettersteig. Es ist die Entscheidung, sich nicht zu sichern.

Risikoprofile: Wer ist besonders gefährdet?

Die österreichische Studie liefert klare demographische Muster:

Gruppe Relatives Risiko Einordnung
Männer vs. Frauen 2,5x Männer sind massiv überrepräsentiert
Alter 60 bis 69 2,8x Höchstes Risiko. Kraft lässt nach, Ehrgeiz bleibt
Alter 10 bis 19 0,45x Niedrigstes Risiko. Leicht, fit, oft gut betreut

Die Altersgruppe 60 bis 69 fällt besonders auf. Die Hypothese der Forscher: Überschätzung der eigenen Fitness, häufigeres Alleinunterwegs-Sein, langsamere Reaktionszeiten bei Wetterumschwüngen. Das ist kein Argument gegen Klettersteig im Alter. Es ist ein Argument für ehrliche Selbsteinschätzung und konservativere Routenwahl.

Geführte Touren: Der schnellste Weg zur sicheren Praxis

Wer noch nie am Klettersteig war, hat zwei Optionen: YouTube-Videos schauen und alleine losziehen, oder eine geführte Tour buchen und die Technik von einem Bergführer lernen. Die Statistik ist eindeutig, welche Option klüger ist.

In Frankreich kosten geführte Klettersteig-Touren zwischen 28 € und 95 € pro Person. Dafür bekommt man: komplette Ausrüstung (Gurt, Klettersteigset, Helm), Einweisung in die Sicherungstechnik, Routenauswahl passend zum Niveau und einen Guide, der das Wetter im Blick hat.

Empfehlungen

  • Gorges du Verdon: 55 bis 85 €, spektakuläre Kalksteinschluchten, 5/5 Bewertung. Schwierigkeitsgrade von K2 bis K4.
  • Annecy: 69 € geführt, ideal für den Einstieg. Moderate Routen mit Seeblick, gute Infrastruktur, kurze Zustiege.
  • Klettersteige in Frankreich: Überblick über alle Regionen, von den Alpen bis zu den Pyrenäen.

Für den DACH-Raum sind die Klassiker im Zillertal, am Gosausee, in Berchtesgaden oder in den Brenta-Dolomiten ohnehin bekannt. Die französischen Klettersteige sind eine echte Alternative: weniger überlaufen, oft günstiger.

4 Sicherheitschecks vor jeder Tour

1. Schwierigkeitsgrad prüfen

Die Route muss zum eigenen Niveau passen. K1/K2 für Einsteiger, K3/K4 mit Erfahrung, K5/K6 nur für trainierte Klettersteiggeher. Die Bewertung steht in jedem Tourenportal, auf bergsteigen.com, im DAV-Tourenportal oder auf klettersteig.de.

2. Wetter checken

Gewitter auf dem Klettersteig ist lebensgefährlich. Das Stahlseil ist ein Blitzleiter. Wettercheck am Vorabend UND am Morgen. Bei labiler Lage: nicht einsteigen. Bei Gewitterwarnung während der Tour: sofort absteigen, wenn möglich. Falls nicht möglich: vom Seil lösen und Schutz suchen.

3. Ausrüstung kontrollieren

  • Klettersteigset nach EN 958 mit Bandfalldämpfer (Pflicht)
  • Klettergurt nach EN 12277
  • Klettersteighelm nach EN 12492
  • Handschuhe (optional, aber empfohlen ab K3)
  • Set auf sichtbare Schäden prüfen, Karabinerverschluss testen

4. Fitness ehrlich einschätzen

Klettersteig ist Ganzkörperarbeit. Arme, Schultern, Core, Beine. Eine K3-Route dauert 2 bis 4 Stunden unter Belastung. Wer nach 30 Minuten an der Kletterwand am Limit ist, ist auf einem K3 nach einer Stunde in der Gefahrenzone. Lieber eine Stufe leichter starten und steigern.

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Häufig gestellte Fragen

Kann man am Klettersteig sterben?

Ja. 62 Todesfälle in 10 Jahren in Österreich, bei über einer Million Begehungen in diesem Zeitraum. Das absolute Risiko ist gering, aber real. 87 % der Todesfälle wären durch korrekte Sicherung vermeidbar gewesen.

Klettersteig mit Höhenangst, geht das?

Leichte Höhenangst ist normal und kein Ausschlussgrund. Viele Klettersteiggeher haben ein mulmiges Gefühl in exponierten Passagen, das zum Erlebnis dazugehört. Echte Akrophobie (Höhenphobie mit Panikattacken, Schwindel, Handlungsunfähigkeit) ist dagegen ein Sicherheitsrisiko. Im Zweifel: eine leichte Tour (K1) mit Guide testen.

Was tun bei Gewitter auf dem Klettersteig?

Sofort vom Stahlseil lösen. Beide Karabiner aushängen. Abseits des Seils in eine Mulde oder unter einen Überhang gehen. Nicht auf Gipfeln oder Graten stehen bleiben. Metallgegenstände ablegen. Hockstellung einnehmen, Füße zusammen. Erst wieder einhängen, wenn das Gewitter mindestens 30 Minuten vorbei ist.

Ab welchem Alter darf man auf den Klettersteig?

Die meisten geführten Touren nehmen Kinder ab 8 bis 12 Jahren mit, je nach Route und Anbieter. Entscheidend ist nicht das Alter, sondern Körpergröße (Reichweite zu den Tritten), Kraft und mentale Reife. Kinder-Klettersteigsets sind für 30 bis 60 kg ausgelegt. Die Altersgruppe 10 bis 19 hat statistisch das niedrigste Unfallrisiko (Faktor 0,45x).

Sources

  1. Burtscher M. et al., Accidents on via ferratas in Austria, Int. J. Environ. Res. Public Health, 2019.
  2. Schweizer Alpenclub (SAC), Sicherheit und Unfälle am Klettersteig, 2024.
  3. viaferrata-fr.net, Der Sturzfaktor am Klettersteig, 2020.

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